{"id":953,"date":"2009-09-01T23:24:42","date_gmt":"2009-09-01T22:24:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/?p=953"},"modified":"2010-02-22T23:33:40","modified_gmt":"2010-02-22T22:33:40","slug":"fremd-ist-der-fremde-auch-nicht-in-der-fremde-fremd-ist-der-fremde-auch-nicht-in-der-fremde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/?p=953","title":{"rendered":"Fremd ist der Fremde auch nicht in der Fremde"},"content":{"rendered":"<p>Von Georg See\u00dflen<\/p>\n<p>Reisen ist eine Art der Bewegung in der Welt, in der man ein wenig von sich selbst aufs Spiel setzt. Gef\u00e4hrdungen des K\u00f6rpers sind so wenig ausgeschlossen wie merkw\u00fcrdige Verschiebungen der Wahrnehmung. Am Ende der Reise, das wissen wir aus beinahe allen unserer Erz\u00e4hlungen, steht entweder die gl\u00fcckliche Heimkehr oder Wahnsinn und Tod. Was w\u00e4re eine Reise wert, wenn sie nicht ebenso gut ins Paradies wie ins Herz der Finsternis f\u00fchren k\u00f6nnte?<br \/>\nUrlaub dagegen, ein ziemliches neues Ph\u00e4nomen der \u00f6konomisch differenzierten Gesellschaft, ist ein Intervall, ein Innehalten, eine Beruhigung im fortlaufenden Prozess von Arbeit und Alltag: Ausruhen. Im Urlaub geschieht zugleich die Aufhebung und die Fortsetzung der Spaltung des arbeitenden Menschen in sein gesellschaftliches und sein privates Ich. Mehr noch: &#8222;Urlaub vom Ich&#8220; hei\u00dft f\u00fcr eine (immer viel zu kurze) Zeit seinen Verpflichtungen von Schwei\u00df, Industrie und Nachbarschaft zu entkommen. Und mehr noch: Im Urlaub ist man nicht mehr ganz Ich. Das zeigt sich schon daran, dass man sich anders kleidet (und das nicht nur, weil es praktisch ist), sich anders bewegt, einen anderen Blick entwickelt. Man ist ein bisschen mehr als Ich (im Erlebnis der Fremden), ein bisschen weniger als Ich, wenn man nur noch so fundamentale Erfahrungen an sich l\u00e4sst wie Wasser, Sonne und Zeit: &#8211; die Seele baumeln lassen. Aber kann man mit einer baumelnden Seele reisen?<\/p>\n<p>Sommerfrische und Massentourismus<br \/>\nEine Urlaubsreise ist ein Widerspruch in sich. Das &#8222;Ausruhen&#8220; muss mit der sensationellen Ver\u00e4nderung vereint werden, eine Bewegung, die eigentlich Ruhe ist, und eine Ruhe, die Bewegung braucht. Aus sich heraus und in sich hinein. Eine Urlaubsreise ist also ein sehr individuelles Kunstwerk gegen die eigene Allt\u00e4glichkeit &#8211; und gleichzeitig ein industriell gefertigtes Produkt auf einem wachsenden Markt.<br \/>\nSo ist die Urlaubsreise das Gegenteil einer abenteuerlichen oder empfindsamen Reise, und sie ist auch das Gegenteil des klassischen b\u00fcrgerlichen Urlaubs in der Sommerfrische. Hier war ja Verortung und Dauer das Wesentliche; da, wo man in die Sommerfrische hinfuhr, hatte man so etwas wie ein zweites Zuhause, ein zweites Leben in der N\u00e4he der Natur und des Volkes. Die moderne Urlaubsreise war zun\u00e4chst so etwas wie eine Dynamisierung der Sommerfrische. Doch als die Deutschen in den sp\u00e4ten f\u00fcnfziger Jahren gen S\u00fcden aufbrachen, steckte nat\u00fcrlich mehr dahinter: eine neue Weltlust des Wirtschaftswunder-Mittelstandes, Mobilit\u00e4t als neuer kultureller Wert, und die Saturierung der ersten Bed\u00fcrfnisse. Die Wohnung eingerichtet, die Fresswelle verarbeitet, der Kleingarten gepflegt, das Automobil abgezahlt, mit dem es nun nur noch auf gro\u00dfe Reise gehen kann. Dieser Massentourismus unterschied sich von der Sommerfrische durch das eklatante Fehlen jeder Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Diese Welt der Steilwandzelte, knallroten Gummiboote, Campingkocher und Duschkabinen, der Ferienhotels am W\u00f6rthersee und der Folkloreabende wurde zum Ur- und Schreckbild der kommenden Entwicklung. Paradies und Parodie in einem.<br \/>\nDie Widerspr\u00fcche der Urlaubsreise haben sich seitdem dramatisch zugespitzt: Urlaub ist in der postindustriellen Gesellschaft, der die Arbeit ausgeht, und die an ihre Stelle die Inszenierung der Karriere gesetzt hat, eigentlich absurd geworden. Er wird zum Medium der karrieristischen Selbstdarstellung. Soziale Ruhe kann man sich nicht erlauben &#8211; so zerst\u00f6rt das gesch\u00e4ftige Handy den Urlaub mit Karriere-Plots, w\u00e4hrend umgekehrt der Gesch\u00e4ftsreisende sein Handy benutzt, um seine Urlaubspl\u00e4ne zu verbreiten. Andererseits darf ja in der Karriere die Anstrengung nur als Lust erscheinen. Die Abfolge von M\u00fchsal und Erholung, von Arbeit und Urlaub funktioniert nicht mehr. Kein Wunder, dass es in den Prospekten f\u00fcr Urlaubsreisen immer wenig um &#8222;Erholung&#8220; geht &#8211; und der Aspekt &#8222;Aufregung&#8220; immer wichtiger wird. Weniger Urlaub, mehr Reise wird da versprochen. Und: Es ist immer was los.<br \/>\nWie kommt ein Mensch \u00fcberhaupt dazu, sich aus der Heimat in die Fremde zu begeben? Das ist eine lange Geschichte. Vielleicht weil er sich auf die beschwerliche Suche nach neuer Nahrung begeben muss. Das ist die nomadische Form der Reise. Vielleicht weil er begehrt seines N\u00e4chsten oder \u00dcbern\u00e4chsten Knecht, Magd, Vieh, Weib oder alles was sein ist. Das ist die kriegerische Form. Und dann ist es eine der furchtbarsten Strafen, aus der Heimat ins &#8222;Elend&#8220;, die Fremde vertrieben zu werden. Die Verbannung kam fr\u00fcher gleich nach der Todesstrafe. Oder der Mensch reiste, weil er etwas, was bei ihm selbst nur wenig, in der Fremde aber sehr viel wert ist, gewinnbringend verkaufen konnte. So entsteht die Handelsreise. Wer nur die eigene Arbeitskraft verkaufen kann, macht sich als Hirtenknaben auf den Weg \u00fcber die Alpen, Handwerksburschen gehen auf Reisen, und Wanderarbeiter verdingen sich von einem Hungerlohn zum anderen. Die Fremde muss freilich auch schon deswegen bereist werden, weil es sie gibt, so wie ein Berg bestiegen werden muss, weil er da ist. Da haben wir die Expeditionsreise. Und die Welt, die daheim eng und geregelt ist, und unendlich suggestiv und lehrreich woanders, fordert zu den neuen, den b\u00fcrgerlichen Reisen heraus. Die Bildungsreise beginnt schon die Verh\u00e4ltnisse herumzudrehen: Man bereist die Fremde auch, um sich selbst zu finden. Die Bildungsreise trivialisiert sich in der Abenteuerreise und sublimiert sich in der philosophischen Reise. Am Ende steht schlie\u00dflich noch die Gesundheitsreise, der Aufenthalt in Kurb\u00e4dern, in Sanatorien mit gesunder Luft und \u00e4rztlicher Betreuung, bevor Fitness und Wellness alltagstauglich wurde, Reisen an einen Ort zwischen Leben und Tode. Zwischen Paradies und Herz der Finsternis: die Reise auf den Zauberberg.<br \/>\nAll das, so widerspr\u00fcchlich es sein mag, vereint sich in einem Ziel: im Triumph des reisenden Subjekts \u00fcber das Bereiste. Und all das und noch viel mehr steckt in der letzten, der b\u00fcrgerlichen Reise-Formen, in der Urlaubsreise. Sie ist ein Kriegsunternehmen mit friedlichen Mitteln, eine begrenzte und kontrollierte Verbannung, ein Handels- und Beutezug mit eher symbolhaften Waren, eine Bildungsreise mit verl\u00e4sslich tautologischer Information (es ist alles so, wie es beschrieben wurde), eine Abenteuerreise mit kontrolliertem Risiko. Und eine Selbsterfahrung &#8211; auch wenn es dabei nicht mehr um philosophische Grundfragen von Ich und Welt geht, sondern eher um die heftige Erfahrung, mit sich und den seinen alleine zu sein. Die andere Seite der Reiselust ist die Ehekrise.<br \/>\nDie Urlaubsreise, die an ihren neuen und alten Widerspr\u00fcchen krankt, muss, um sich zu retten, best\u00e4ndig Formen und Wesen \u00e4ndern, sich spalten, hier verschwinden und dort an \u00fcberraschenden Orten wieder auftauchen. Man nennt das &#8222;Reisetrends&#8220;, und so ist neben der Prim\u00e4rindustrie von Reiseveranstaltern, Gastronomie und Transportgewerbe eine Sekund\u00e4rindustrie entstanden, die Reisebilder in Fernsehmagazinen, Zeitschriften, Prospekten usw. produziert.<\/p>\n<p>Dabei ist eine merkw\u00fcrdige Spezies entstanden: die Reisejournalistin und ihr Kollege, die, wie einst das Halbblut (Scout) im Wilden Western, ruhelos durchs Land ziehen, um Ferienparadiese und Sehensw\u00fcrdigkeiten zu beschreiben &#8211; und vor allem die kleinen noch nicht entdeckten Wasserstellen f\u00fcr Urlauber zu finden, die sich in Ferienparadiese oder Sehensw\u00fcrdigkeiten verwandeln lassen. Fr\u00fcher brachte die Reise Erz\u00e4hlungsformen hervor, vom Reisetagebuch zum Dia-Abend. Heute bringt die Reiseindustrie ein unaufh\u00f6rliches mediales Gerede hervor, ein Bilder-Grundrauschen \u00fcber die Welt-Attraktionen. In diesen medialen Endlosschleifen geht es um die klassischen Reiseziele, um Neuentdeckungen (oder -erfindungen) und nat\u00fcrlich viel um Sicherheit. Keine Reise ohne Reiser\u00fccktrittsversicherung!<br \/>\nDie Urlaubsreise ist also eine ziemlich unm\u00f6gliche Unternehmung. Dem widerspricht keineswegs, dass noch nie so viele Menschen so intensiv und zerstreut verreisen und dass die Tourismusbranche boomt. Es ist ja kein Zufall, dass Mutter Beimer aus der &#8222;Lindenstra\u00dfe&#8220; nach Ehescheidung und allerlei sonstigen Lebenskrisen ausgerechnet ein Reiseb\u00fcro gr\u00fcndet. Vielleicht sind uns ja alle Hoffnungen in die Urlaubsreise gerutscht, und Mutter Beimer verteilt Urlaubsreisen so wie fr\u00fchere &#8222;M\u00fctter der Nation&#8220; gute Ratschl\u00e4ge verteilt haben. Allerdings ist die kulturelle Bewegung, die mit der Umwandlung der Sommerfrische in die Urlaubsreise begann, noch keineswegs abgeschlossen. Einige sch\u00f6ne Nebenaspekte der Urlaubsreise sind dabei verloren gegangen: vor allem die Erz\u00e4hlbarkeit und die Abbildbarkeit des Urlaubszieles. Fr\u00fcher musste man von seinem Urlaubsort Postkarten schicken, ja manchmal sah es aus, als sei der Ort vor allem zum Postkartenschreiben geschaffen und der Reisende nur zum Postkartenschreiben hierher gelangt. Ach, wie lange habe ich keine Urlaubspostkarte mehr erhalten! Und wie hat sich das Angebot in den St\u00e4ndern der Souvenirl\u00e4den reduziert. Auch von seiner Urlaubsreise zu erz\u00e4hlen, auch der Dia-Abend mit den Freunden, will nicht mehr so recht gelingen. Denn jeder hat ja schon seine eigenen drei, vier Urlaubsreisen dieses Jahr hinter sich und im TV gibt es viel bessere Bilder von Mallorca als beim Dia-Abend. Die Urlaubsreise ist schrecklich trivial geworden. Sie entzieht sich immer mehr der Erz\u00e4hlbarkeit. Welche M\u00f6glichkeiten also gibt es, sie zu retten?<br \/>\nDie Hysterisierung. Urlaubsreisen gibt es in schier endloser Vielfalt. Es gibt keinen Ort mehr, der sich nicht irgendwie als Reiseziel eignen w\u00fcrde, es gibt auch keine klare Trennung der &#8222;Saisonen&#8220; mehr. Auch die klassisches Struktur (Anreise, Ferienparadies, Exkursionen, Abreise) tritt zur\u00fcck zugunsten neuer Reise- und Ruhe-Samples. Nicht zu untersch\u00e4tzen ist dabei das Abenteuer der \u00d6konomie. Eine gl\u00fcckliche Reise ist ein &#8222;Schn\u00e4ppchen&#8220;; das Vergn\u00fcgen am Ergattern einer Last-Minute-Reise ist so gro\u00df geworden, dass die Frage, ob die angebotene Gelegenheit \u00fcberhaupt g\u00fcnstiger ist als das Normal-Angebot, manchmal unwichtig wird. Eine Last-Minute-Reise ist einfach &#8222;authentischer&#8220; als ein lang geplantes Vorhaben. Ja, wir wollen die Urlaubsreise, die so verplant und pauschalisiert scheint, durch die Jagd nach dem Last-Minute-Angebot wieder ein wenig chaotisieren, uns unter Zeitdruck setzen, dem Zufall eine Chance geben. Hysterisieren k\u00f6nnen wir die Reise nat\u00fcrlich auch, indem wir dorthin fahren, wo es &#8222;wirkliche Gefahren&#8220; gibt, wo man beraubt, entf\u00fchrt, get\u00f6tet werden k\u00f6nnte. Ja, von einem wirklich tollen Schn\u00e4ppchen, von einer Entf\u00fchrung oder einem Schlangenbiss, davon kann man noch erz\u00e4hlen!<\/p>\n<p>Die Beschleunigung. Die Reise selbst als Bewegung verschwindet. Man fliegt nachts, und im ICE rast man vor allem durch Tunnel und an L\u00e4rmschutzmauern entlang. An die Stelle der Bewegung tritt der harte Schnitt zwischen dem Hier und dem Dort. Weil es so schnell geht, wird auch der kurze Aufenthalt lohnend. Je k\u00fcrzer die Bewegung, desto k\u00fcrzer der Aufenthalt. Der Kurzurlaub, den die Kulturpessimisten als Ausdruck unserer schnelllebigen Zeit sehen m\u00f6gen, ist der Versuch, dem Augenblick eine Kostbarkeit zur\u00fcckzugeben. Der Urlaub in seiner beschleunigten und verk\u00fcrzten Form dient nicht mehr der Erholung oder der Erfahrung, er wird zum Empfindungsflash. Kein Zufall, dass der &#8222;kick&#8220;, den man da sucht, aus der Drogensprache stammt.<\/p>\n<p>Die Fragmentierung. Nehmen Sie nicht einmal den &#8222;gro\u00dfen Urlaub&#8220;, verteilen Sie ihren Reisehunger \u00fcber das ganze Jahr. Lieber zweimal eine Woche statt einmal zwei Wochen! Auch von dieser Spaltung scheinen alle zu profitieren. Die Arbeitgeber k\u00f6nnen ihre Arbeitszeiten flexibler gestalten, und Karrierestrategien dulden keine Phasen l\u00e4ngerer Abwesenheit. Die Reiseveranstalter verteilen ihre Angebote anti-zyklisch (&#8222;Wir haben das ganze Jahr Saison!&#8220;) und vermehren sie. Und der Kurzurlaubsreisende bekommt mehr Welt und Abenteuer in seine knapp bemessene Urlaubszeit. Mehr ist n\u00e4mlich nicht weniger, mehr ist immer nur mehr! Nat\u00fcrlich hat das alles seinen Preis: nicht nur f\u00fcr die Reisenden, vor allem f\u00fcr die Bereisten. Die Auff\u00e4cherung des Angebots.<\/p>\n<p>Urspr\u00fcnglich geh\u00f6rte die Reise zum Individuum, das sich bildete und in Frage stellte. Schon das reisende Paar ist eine Dekadenz-Erscheinung, von der Gruppenreise ganz zu schweigen. Die Urlaubsreise dagegen ist ein Medium der Gruppenbildung, der Paar- und Familienbest\u00e4tigung. In einer idealen b\u00fcrgerlichen Familie hat man sich im Urlaub kennen gelernt, freut sich die gesamte Familie auf den gemeinsamen Urlaub, kommt man, auch nach der einen oder anderen Krise vielleicht, als Familie gest\u00e4rkt in die Heimat zur\u00fcck. Wenn Sie&#8217;s nicht glauben, lesen Sie, zum Beispiel, das &#8222;Goldene Blatt&#8220; oder sehen Sie fern. Zu den Katastrophen in einem b\u00fcrgerlichen Leben geh\u00f6rt der &#8222;getrennte Urlaub&#8220;. Er l\u00e4utet die gro\u00dfe, vielleicht letzte Krise des Paares ein, er macht schmerzhaft bewusst, dass die Kinder das Haus verlassen werden. Logisch, dass jede Krise der Familie auch zu einer Krise der Urlaubsreise f\u00fchrt. So wird daher von der Anbieterseite das Zentrum, der Familienurlaub, vom Rand her aufgerollt. Das Angebot wird aufgef\u00e4chert, ohne das Zentrum mythisch in Frage zu stellen. Die &#8222;Single-Reisen&#8220; versprechen die M\u00f6glichkeit einer Paarbildung, bei der Gruppe in der Abenteuerreise schw\u00e4rmt jeder gl\u00fcckliche Beteiligte davon, wie sehr man einander, irgendwo im Busch, &#8222;zur Familie&#8220; geworden ist. Sogar der Individualtourist, der die Massentouristen in den Betonburgen verachtet, ist erst richtig gl\u00fccklich, wenn er andere Individualtouristen trifft. Wenn drei, vier, viele Individualtouristen zusammenkommen (und das tun sie immer), machen sie sich merkw\u00fcrdigerweise kaum Gedanken dar\u00fcber, dass sie nun nicht mehr ganz so individualtouristisch, sondern nur unertr\u00e4glich sind. Und auch f\u00fcr die Familie gibt es neue M\u00f6glichkeiten. Die Familie bricht im Urlaub nicht katestrophisch auseinander, weil das Ferienparadies bereits eine Inszenierung des Auseinanderbrechens anbietet: Im Club Mediterrane und seinen vielen Nachk\u00f6mmlingen werden durch die besonderen Angebote die Kinder den Eltern, die Eltern einander &#8222;abgenommen&#8220;. Ein perfekter Mythos: die Familie, die zugleich gemeinsam und getrennt Urlaub macht.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlungsreise. Popul\u00e4r geworden sind in den letzten Jahren thematische Reisen (Reisen &#8222;auf den Spuren von &#8230;&#8220;, Reisen auf der Suche nach etwas, und sei&#8217;s der frischeste Rohmilchk\u00e4se oder die Schaupl\u00e4tze der Sherlock-Holmes-Romane). Das ist ein Versuch, um die schreckliche Trivialit\u00e4t der Urlaubsreise vergessen zu machen. Unter dem Aspekt der Sherlock-Holmes-Spuren wird sogar eine Stra\u00dfenkreuzung zu einer Sehensw\u00fcrdigkeit, noch der \u00f6deste Ort kann durch einen Rohmilchk\u00e4se-Produzenten neo-touristisch geadelt werden. So gelingt die Re-Exotisierung der Welt sogar noch in einer Form des Massentourismus.<\/p>\n<p>Die Medialisierung. Kann man sich eigentlich eine Kreuzfahrt noch ohne das &#8222;Traumschiff&#8220; des Fernsehens vorstellen? Gewiss hat die Medialisierung des Urlaubs eine lange Geschichte &#8211; zu den Ferien in den 50ern geh\u00f6rte zum Beispiel der &#8222;Ferienfilm&#8220; im Kino. Doch in den letzten Jahren hat diese Verbindung eine neue Qualit\u00e4t bekommen. Die Inszenierung einer Urlaubsreise gleicht sich dem medialen Vorbild nicht mehr nur \u00e4u\u00dferlich an, sie imitiert auch deren innere Dramaturgie. Der Thrill einer Kreuzfahrt dieser Tage besteht nicht mehr nur darin, sich bedienen und verw\u00f6hnen zu lassen &#8211; man will sich dabei auch &#8222;wie ein Fernsehstar&#8220; f\u00fchlen. Man wird vom Luxusreisenden zum Darsteller eines Luxusreisenden. Weil unsere eigenen Kameras und unsere eigenen Erz\u00e4hlungen nicht mehr taugen f\u00fcr unsere Reisen, haben wir eine unstillbare Sehnsucht danach, unsere Reisen von den anderen, den gr\u00f6\u00dferen Kameras, von den anderen, den gr\u00f6\u00dferen Erz\u00e4hlungen begleiten zu lassen. Der Urlaubsreise der Zukunft kann nur direkt ins Fernsehen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das Verschwinden der Fremde<br \/>\nDer Urlaubsreisende will etwas Widerspr\u00fcchliches: Er will die Wiederholung des Gewohnten und er sucht das Exotische, er sehnt sich nach Heimat und Fremde zugleich. Das f\u00fchrt geradewegs zu dem Ferienparadies. Ein Ferienparadies ist teilweise die extrem versch\u00e4rfte und proletarisierte Form der Sommerfrische. Ein Ferienparadies ist weder Heimat noch Fremde. Es ist etwas Drittes. Es vereint (scheinbar) das Beste von Heimat und Fremde. Dieses Verschwimmen von Hier und Dort ist t\u00fcckisch, weil mit der Fremde auch die Heimat zu verschwinden beginnt. Ist ihnen schon mal aufgefallen, dass viele ihr eigenes Heim, besonders wenn es ein Vorstadthaus ist, in eine Art kleines &#8222;Ferienparadies&#8220; verwandeln? Und umgekehrt versuchen die Ferienparadiese sich immer mehr den Mittelstandstr\u00e4umen anzupassen. Auch dort soll es aussehen wie zu Hause. Kein Wunder, dass die Betonburgen sich wieder in Vorstadtsiedlungen aufl\u00f6sen.<br \/>\nWozu muss man dann noch reisen? Falsche Frage. Wenn wir nicht mehr reisen k\u00f6nnten, wozu dann noch leben?<\/p>\n<p>Tagesspiegel, Berlin, vom 30.06.2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Georg See\u00dflen Reisen ist eine Art der Bewegung in der Welt, in der man ein wenig von sich selbst aufs Spiel setzt. Gef\u00e4hrdungen des K\u00f6rpers sind so wenig ausgeschlossen wie merkw\u00fcrdige Verschiebungen der Wahrnehmung. Am Ende der Reise, das wissen wir aus beinahe allen unserer Erz\u00e4hlungen, steht entweder die gl\u00fcckliche Heimkehr oder Wahnsinn und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[23],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/953"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=953"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/953\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":959,"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/953\/revisions\/959"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=953"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=953"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.dominiksadventures.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=953"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}